Excerpt for Die Hoffnung, die aus der Zukunft kam - Teil 1: Eine Zeitreise by , available in its entirety at Smashwords



DIE HOFFNUNG,

DIE

AUS DER ZUKUNFT

KAM




Teil 1

David und Jonathan





Im dunkelsten Augenblick tiefster Sinnlosigkeit, als ihm nichts mehr geblieben war als Verzweiflung, da kam die Hoffnung zu ihm. Sie war noch klein, vielleicht sogar winzig, aber eines Tages würde sie geboren werden.



Ich bin Jonathan Galt. Und heute habe ich endlich erkannt, dass ich meinen Namen hasse. Im Augenblick gehe ich gerade meinen Tunnel entlang.

Nein, eigentlich muss ich zugeben, dass dies nicht mehr mein Tunnel ist. Als ich ihn vor ein paar Wochen gegraben habe, ist er nur ein Kriechgang gewesen. Und er war sehr viel kürzer, nur ein paar Dutzend Meter, abgehend von der Kanalisation und dann unter der Mauer hindurch und von dort bis nach oben, zur äußeren Welt.

Für mich und Luscinia ist es nicht einfach gewesen, die Decke mit dem schlafenden Kind hindurch zu zerren. Aber jetzt können meine Begleiter und ich aufrecht gehen.

Und der Tunnel ist jetzt auch viel breiter als zuvor... und viel länger, über 16 Kilometer lang reicht er nun den ganzen Weg bis zum nächsten Dorf.

Hunderte von Leuten haben daran gearbeitet den Tunnel zu vergrößern. Und das ist natürlich notwendig gewesen, denn tausende sollen später mir und meinen Begleitern folgen.

Aber genau wie ich zuvor, so mussten auch diejenigen, die den Tunnel in den letzten paar Tagen gegraben haben, die Arbeit ohne große Maschinen ausführen, denn sie mussten leise sein-- sehr, sehr leise.

Jeder verdächtige Laut hätte jemandem auffallen können, und das wäre eine Katastrophe gewesen. Wir hätten den Plan aufgeben müssen. Und dann wäre nur noch eine einzige Alternative geblieben.

Mir läuft es kalt den Rücken hinunter, und das ist nicht nur ein Kälteschauder. Ich denke an Luscinia. Sie wollte mich begleiten. Aber ich habe nein gesagt. Sie wird für tot gehalten und jemand dort drüben könnte sie vielleicht erkennen.

Natürlich ist das einfach nur eine Sache der Vernunft gewesen, und außerdem hätten die anderen es ohnehin nicht erlaubt sie mitzunehmen. Aber in diesem Augenblick wünsche ich mir, ich wäre nicht so vernünftig gewesen.

Ich brauche sie, ihren Trost, ihr Vertrauen, ihre Liebe. Ohne sie hätte ich niemals den Mut gefunden wegzugehen... und jetzt zurück zu kommen.

Wir haben die Kanalisation mit ihren typischen Gerüchen von Abfall und Verwesung erreicht. Im Schein der Taschenlampen erkenne ich eine Ratte, die unseren Pfad kreuzt. Ich sehe mich nach meinen Begleitern um.

Mr Wang's Gesicht sieht genauso mürrisch aus wie sonst. Es scheint unvorstellbar, dass von all den Leuten in Spesaeterna es ausgerechnet Mr Wang ist, der diesen Plan entwickelt hat. Obwohl es nicht überraschend ist, dass er damit im Gegensatz zur Meinung fast aller anderen im Dorf stand und dann entgegen jegliche Opposition an ihm festgehalten hat. Unter seiner aufgeknöpften Jacke kann man die traditionelle Kleidung seines Dorfes erkennen, und auf seiner Brust glitzert im schwachen Licht der Lampen das goldene Abbild seines Dharma Chakra.

Ich nehme mir vor, ihn daran zu erinnern, dass er oben die Jacke auf jeden Fall zugeknöpft halten muss.

Ich wende meinen Blick zu Ms Alba. Sie ist ebenso alt wie Mr Wang, über 10 Jahre älter als mein Vater, aber sie sieht so stark aus, physisch und auch sonst. Und ihre Bewegungen sind die einer viel jüngeren Person.

Wo ich herkomme erreichen wenige dieses Alter, und mit Sicherheit sind keine Frauen dabei. Meine Mutter ist 47 gewesen, als sie in einem Venus Projekt gestorben ist.

Eine Welle von Schmerz und fast unkontrollierbarer Wut steigt in mir auf. Venus-- die Göttin der Liebe, oder so hat man es mir beigebracht; was für ein Witz, was für ein unglaublich perverser Witz.

Ich atme tief durch. Ich muss ruhig bleiben. Ich darf mich nicht von meinen Emotionen leiten lassen, weder von Zorn noch von Furcht. Jede Nervosität könnte tödlich sein.

Wenn der Plan gelingen soll, brauche ich eine eiskalte Rationalität. Alles hängt jetzt von mir ab.

Ich sehe zu Ms Alba hinüber. Sie hat mir nie vertraut. Einmal hat sie mich den Sohn des Teufels genannt.

Sie hält den kleinen Kasten fest in der Hand. Sicherlich, es ist eigentlich nur ein Kommunikator, aber es könnte ebenso gut der Auslöser sein. Wenn sie einmal den roten Knopf gedrückt hat, dann ist alles vorbei...für uns alle. Ein Schalter wird anderswo betätigt werden, Raketen werden starten, und dann in einem einzigen Augenblick, gibt es Nephilim City nicht mehr...aufgelöst und ausgelöscht von der Erde, zusammen mit dem Land um die Stadt herum und allem und jedem unter der Erde.

Ms Alba hat auf diese Notmaßnahme bestanden, und die anderen haben ihr zugestimmt.

Warum sie überhaupt ihre Meinung geändert haben, ist mir immer noch ein Rätsel.

Ich bin so naiv gewesen, als ich mit der Aufnahme zu ihnen gekommen bin, aber sobald ich sie begonnen hatte sie abzuspielen, und ich die atemlose Stille um mich fühlte, da wusste ich, was die Reaktion sein würde. Sie war einfach nur natürlich gewesen. Und dann, ja dann haben sie ihre Meinung geändert, wegen gar nichts..., wegen einer kleinen Geschichte aus der Vergangenheit.

Und als sie diese Kehrtwende von dem gemacht haben, was vorher so logisch schien, da habe es ich erkannt: So sehr ich mich auch danach sehne zu Spesaeterna zu gehören und zu den anderen, so ist das einfach nicht der Fall. Ich kann sie immer noch nicht verstehen, und ich bezweifle, dass ich jemals so weit sein werde.

Geboren und aufgewachsen in Nephilim City, kann ich meine Wurzeln nicht verleugnen, und die klare Logik meiner Stadt, eine Logik. an der es meinen Begleitern und deren ganzer Gesellschaft dort zu fehlen scheint; allen außer Ms Alba vielleicht.

Aber zur Zeit wird auch sie weniger von ihrer Rationalität als von etwas anderem geleitet. Und doch, denke ich mit ein wenig Selbstironie, gerade jetzt handele ich ja auch unter dem Einfluss von diesem “anderen”, nach deren Logik und nicht meiner eigenen.

Ich werfe einen Blick auf den dritten meiner Begleiter, einen Mann der kaum jünger ist als die beiden anderen. Er war einmal derselbe David Morgan gewesen, der vor langer Zeit der beste Freund meines Vater war. Aber für mich scheint dieser Mann der mysteriöseste von allen zu sein.

Jetzt nennen sie ihn nur den Professor. Er ist Wissenschaftler und sollte eigentlich ein Mann der Vernunft sein, aber er ist auch ein Mönch. Er hat Sinn für Logik, aber es ist eine, die ich nicht durchschauen kann. Der Professor zeigt mir ein ermutigendes Lächeln. Der Ausdruck auf seinem Gesicht deutet an, dass er irgendwie weiß, was ich denke, fast als habe er meine Gedanken gelesen.

Das Lächeln gibt mir Auftrieb. Ich fühle mich weniger verkrampft, und ich sehe sie wieder vor mir, das kleine Mädchen, das alles verändert hat.

Ich konzentriere mich jetzt auf den kaum sichtbaren Weg vor mir.

Endlich - der Ausstieg, wir sind an unserem ersten Ziel angekommen. Ich klettere die Leiter hinauf, öffne den Kanaldeckel und sehe mich vorsichtig um. Es ist eine ziemlich verlassene Gegend.

Während ich meinen Fluchtgang gebaut habe, bin ich unzählige Male diese Leiter hinauf- und hinuntergestiegen. Und genau wie damals, ist auch heute niemand da, der den Ausstieg beobachtet. Ich gebe den anderen ein Zeichen, mir zu folgen. Als sie alle oben angekommen sind, schließe ich den Deckel wieder. Und obwohl es unwahrscheinlich ist, dass Kameras oder Mikrofone an diesem Ort installiert sind, rede ich doch nur sehr leise. Mit einer vor Ironie triefenden Stimme, soweit das bei einem Flüstern überhaupt möglich ist, erkläre ich:

Willkommen in Orange Country!”



***



David Ragnarsson stand da, ganz still und allein - mit geschlossenen Augen, um die letzten Zweifel zu vertreiben. Und als er die Augen wieder öffnete, da hatte er seine Entscheidung getroffen. Er stand direkt auf dem weißen Streifen, der anzeigen sollte, wo der letzte Wagon halten würde. Vor ihm war die gelbe Linie, der Sicherheitsstreifen. Kein Fahrgast sollte diese Grenze überschreiten, bevor die Bahn zum Halt gekommen war.

Aber David hatte nicht vor ein Fahrgast dieser Bahn zu werden, nicht jetzt... nie wieder. Er ließ den Blick nach oben schweifen. Dort hing eine digitale Uhr fast direkt über seinem Kopf. Die letzte Ziffer veränderte sich mit einem Klick. Die Uhr zeigte nun 11:56, vier Minuten vor Mitternacht in der Spesveniat U-Bahn Station.

Er konnte das leise Dröhnen, das die baldige Ankunft des Zuges ankündigte, bereits hören. Und im Tunnel waren auch schon ganz klein die Lichter der vorderen Scheinwerfer zu erkennen.

Jetzt würde es nicht mehr lange dauern.....nur noch ein paar Sekunden und dann zwei Schritte bis zum Ende....dem großen Vergessen, dem Frieden, den er suchte - dem einzigen Frieden, den es für ihn noch geben konnte.

So kurz hinter dem Tunnel würde es für den Fahrer unmöglich sein, die Bahn noch rechtzeitig abzubremsen. Das Geräusch des Zuges war lauter geworden und das Scheinwerferlicht, in das er starrte, blendete ihn bereits.

David verlagerte das Gewicht vom einen auf den anderen Fuß. Er war bereit.

Nein, nicht springen. DU DARFST NICHT SPRINGEN!“

David hatte das Gefühl als hätte ihn ein Blitz getroffen. Seine Nerven, die schon zuvor zum Zerreißen gespannt gewesen waren, ließen ihn zusammenzucken. Und jetzt war es als ob ein Donner seinen ganzen Körper durchschüttelte.

Die Stimme war durchdringend, laut und schrill, und doch ganz eindeutig war es die Stimme eines Kindes. David drehte seinen Kopf nach links. Und ja, da war sie. Sie stand direkt neben ihm. Das Kind, ein Mädchen, starrte ihm ins Gesicht und das mit Augen von so intensivem Blau, wie er sie vorher nie anders als auf einer Kinoleinwand gesehen hatte. Verwirrt und immer noch zitternd starrte David zurück.

Für ihn fühlte es sich an, als sei er aus einem Traum gerissen worden, einem dunklen Traum sicherlich, und doch einem, der ihm das Gefühl gab, dass er unbedingt wissen wollte, wie er endete.

Die Bahn, mit ihrem ohrenbetäubendem Quietschen der Bremsen, riss David aus seiner Trance und brachte ihn in die Realität zurück. Er hatte seine Chance verpasst...für den Augenblick zumindest. Aber es würde andere Züge geben...auch heute Nacht noch.

David schaute sich um. Das Mädchen schien allein zu sein. Ein paar Leute warteten am anderen Ende des Bahnsteigs, keiner von ihnen schien zu ihr zu gehören. Wo war sie hergekommen? Warum hatte er sie zuvor nicht bemerkt. Und wie zum Geier hatte sie gewusst, was er tun wollte. Konnte sie Gedanken lesen?

Wenn es um diese Art von Phänomenen ging, dann war David immer ein unbekehrbarer Skeptiker gewesen. Nein, sie war keine Telepatin, nur eine kleine Person mit einer besonders guten Beobachtungsgabe. Manchmal wurde so etwas auch weibliche Intuition genannt.

Die U-Bahn war endlich zum Halten gekommen, und die Türen öffneten sich. David sah das Mädchen mit einem falschen Lächeln an - einem, das sagen sollte: „Ich habe zwar nicht genau gehört, was du gesagt hast, aber ich bin höflich genug um zuzugeben, dass du mit mir geredet hast, habe aber kein Interesse an einem weiteren Gespräch.“

Dann drehte er sich um, um mit ein paar wenigen großen Schritten die letzte Tür der Bahn zu erreichen. Das Mädchen folgte ihm - oder genauer gesagt, ging sie direkt neben ihm - nur wenige Zentimeter von seinem linken Ellenbogen entfernt.

Gemeinsam betraten sie den Wagon, und als David sich auf eine der langen Bänke fallen ließ, setzte sie sich neben ihn. Das wurde langsam störend. David fand es immer schwerer, sie einfach zu ignorieren.

Und doch gab er sich alle Mühe, um genau das zu tun. Er starrte geradeaus vor sich hin, während die Türen sich schlossen und der Zug langsam Fahrt aufnahm, um dann den erleuchteten Bahnsteig hinter sich zu lassen und im nächsten Tunnel die Fenster wieder zu schwärzen.

So spät am Abend waren kaum noch andere Fahrgäste im Wagon. Die meisten saßen am anderen Ende des Abteils. Keiner von ihnen schenkte David oder dem Kind auch nur die geringste Beachtung.

Wahrscheinlich denken sie, sie ist meine Tochter oder so was,“ dachte er und sah sich um.

An ihrem Ende des Abteils und auf ihrer Bank saß nur noch ein anderer Fahrgast, ein stoppelbärtiger Afroamerikaner, der -mit geschlossenen Augen und dem Kopf nach hinten an die Wand gelehnt- rhythmische Schnarchgeräusche von sich gab. Der Mann war wahrscheinlich betrunken, und dem schmutzigen Jackett, der abgetragenen und der an einem Knie zerrissenen Hose nach zu schließen, war er vermutlich auch noch obdachlos und hatte keinen anderen Ort zum Schlafen gefunden.

David gegenüber saßen zwei Jugendliche, die damit beschäftigt waren herauszufinden, wer von beiden den anderen schneller von der Bank schubsen konnte, während eine Frau mittleren Alters versuchte sich so weit wie möglich von den Jungen fernzuhalten.

Die Frau war wahrscheinlich eine Krankenschwester, die nach ihrer Spätschicht in der nahegelegenen Geburts- und Notfallklinik auf dem Weg nach Hause war.

David dachte er hätte den Rock der Schwesterntracht erkannt, der unter ihrem kurzen Mantel gerade noch sichtbar war. Er hatte einmal eine ganze Reihe der Klinikangestellten interviewt, als staatliche Kürzungen dazu geführt hatten, dass Personal abgebaut worden war. Die daraus resultierenden verlängerten Wartezeiten hatten dann zumindest einem Kind das Leben gekostet. Das kleine Mädchen war gestorben, als es auf eine Notoperation gewartet hatte.

Es war ein wichtiger Artikel gewesen, und er hatte zu Reaktionen geführt. Die Entrüstung der Öffentlichkeit hatte Druck auf die Stadtverwaltung ausgeübt, und die Entscheidung wurde getroffen den Etat zumindest dieser Klinik wieder auf den vorherigen Stand anzuheben.

Aber das war eine Nachricht vom letzten Jahr. Und für einen Journalisten ist oft sogar gestern schon eine Ewigkeit her.

Für David Ragnarsson, ehemaliger Star-Reporter der angesehensten Zeitung des Landes, ist letztes Jahr nicht einmal mehr Teil seiner Wirklichkeit. Und die Nachrichten von heute würden nicht von ihm geschrieben werden...Er würde nie wieder einen Artikel schreiben...

Das kannst du nicht wissen. Und selbst wenn, dann ist das trotzdem kein ausreichender Grund, um vor diese Bahn zu springen.“

Genau wie zuvor, so war auch diesmal die Stimme des Kindes zu laut und zu klar. Und sie war zutiefst aufwühlend. Es schien als ob die Kleine wirklich seine Gedanken lesen könne.

Und diesmal hatte David keine Wahl. Vorzugeben er hätte ihre Bemerkung nicht gehört, funktionierte einfach nicht mehr, außer er würde auch noch so tun als sei er stocktaub. David sah noch einmal zu den drei Leuten hin, die ihm gegenüber saßen. Die schienen immer noch kein Interesse an ihm oder dem Mädchen neben ihm zu haben, dann wandte er sich ihr zu.

Von was zum Geier redest du da eigentlich?“ murmelte er leise.

Das Kind gab sich keine Mühe die Stimme zu senken: „Ich rede davon, dass du Selbstmord begehen willst, indem du vor diese Untergrund-Bahn springst. Und ich sage dir, dass du so was nicht tun sollst.“

Leugnen war die einzig mögliche Antwort darauf: „Was für ein hirnverbrannter Schwachsinn ist dir da eingefallen? Läufst du immer herum und denkst dir Geschichten über Fremde aus, die du in der U-Bahn triffst?“

Leugnen war die erste, Angriff die zweite Strategie: „Wo wir schon von U-Bahn sprechen, was hast du mitten in der Nacht ganz alleine in einer U-Bahn ¨überhaupt zu suchen? Du kannst doch nicht älter als zehn oder elf sein.“

Ich bin letzten Monat dreizehn geworden!“ Jetzt klang die Stimme des Mädchens ganz schön beleidigt.

Dreizehn.... David hätte nicht gedacht, dass sie schon ein Teenager wäre, und das nicht nur deshalb, weil sie ziemlich klein für ihr Alter war. Viel mehr lag es an der Art wie sich kleidete.

Sie trug etwas, was man vielleicht einen Jogging Anzug hätte nennen können, aber es war keiner den er je an einem Mädchen ihres Alter gesehen hatte. Der leicht glitzernde Stoff hatte eine hell violette Farbe, und das Oberteil war mit etwa einem Dutzend unterschiedlich großer, farbiger Flicken bedeckt, die entweder angenäht oder angeklebt waren.

Obwohl ihr Gesicht, ihre Hände und ihre dünnen Handgelenke auf eine schlanke Figur schließen ließen, zeigte ihr Outfit nichts von dieser Figur. Das Unterteil des Anzugs erinnerte an Pluderhosen mit Bündchen an den Fußgelenken. Und das Oberteil reichte von den breiten Schulterpolstern in gerader Linie direkt hinunter, bis etwa zwei handbreit über die Knie. Keinerlei weibliche Formen waren zu erkennen. Und David fragte sich, warum er eigentlich so sicher war, dass dieses Kind wirklich ein Mädchen war.

Ihr Kopf war mit einer mit chinesischen Schriftzeichen bestickten Schirmmütze bedeckt, unter der nur ein paar dunkle Locken an der Stirn hervortraten. Ihre hellbraune Haut stand im Kontrast zu ihren strahlend blauen Augen. Sie hatte mit Sicherheit sowohl afrikanische als auch europäische Vorfahren. Und wer weiß, dachte David, als er auf ihre Mocassinartigen Schuhe hinuntersah, ein paar indianische Vorfahren könnten da auch dabei gewesen sein.

Das ganze Outfit erinnerte weniger an etwas, das junge Mädchen heutzutage trugen als an das, was man in der Kleinkind-Abteilung eines Kaufhauses sehen konnte. David hatte so ähnliche Anzüge gesehen, als er einmal mit Tina Kleidung für Mikey gekauft hatte, als dieser zwei oder drei war.

Und es mussten die Kleider sein, die sie trug, die dem Mädchen eine Aura kindlicher Unschuld gaben, und das obwohl sie so dunkle Worte von sich gab wie "Selbstmord". Nicht einmal in seinen eigenen Gedanken hatte David selbst dieses Wort gebraucht. Es schien ihm nicht der richtige Begriff für das zu sein, was er vorhatte..

Dreizehn, ist immer noch zu jung, um so spät noch draußen zu sein. Du solltest zu Hause sein...bei deinen Eltern.“

Ich kann nicht bei ihnen sein,“ antwortete das Mädchen. „Mein Papa ist tot und meine Mama ist fort auf einer Kampf Mission.“

Sie war also eine dieser vorübergehenden Kriegswaisen, dachte David.

Vor ein paar Jahren hatte er einen Artikel über alleinstehende Mütter im Militär geschrieben. Wenn diese an die Front nach Afghanistan oder Irak geschickt wurden, dann mussten deren Kinder bei Pflegeeltern untergebracht werden oder - wenn sie Glück hatten - konnten Verwandte sich um sie kümmern.

Das, was du jetzt denkst über meine Mama ist nicht wahr,“ sie hatte einen entschiedenen Ton in der Stimme.

Was denke ich denn?“ fragte David

Du denkst, sie ist gerade dabei zu schießen oder Bomben abzuwerfen, um Menschen zu töten.“

Nein, das denke ich nicht,“ widersprach David. „Und im Augenblick ist das auch von keinerlei Interesse für mich. Ich wollte nur wissen, wer sich um dich kümmert, und warum du nicht genau in diesem Augenblick bei diesen Leuten bist, zu Hause im Bett.“

Während meine Mama fort ist, sind meine beiden jüngeren Geschwister bei Oma und Opa. Und ich bleibe in der Zeit bei Großonkel Professor.“

Großonkel Professor, was für ein sonderbarer Name, dachte David, aber das ging ihn natürlich nichts an. „Weiß dein Onkel, wo du gerade bist?“

Aber sicher,“ antwortete das Mädchen ohne Umschweife, „er hat mich schließlich hierher zu dir geschickt.“

Das hörte sich nun wirklich sehr sonderbar an. „Er hat dich mitten in der Nacht zu einer U-Bahn Station geschickt, um mit einem fremden Mann zu reden?“

Ja, das war nämlich die einzige Zeit, in der man dich erreichen konnte. Und du bist nicht wirklich ein Fremder. Und das wirst du alles verstehen, wenn du mich nur ein bisschen besser kennenlernst. Und dann erzähl ich dir, woher ich bin, und wie ich hier hergekommen bin.“

Das schien hier ja noch schlimmer zu sein, als das Schicksal der Kriegswaisen, über die David in seinem Artikel berichtet hatte. Das Jugendamt war anscheinend dann doch noch die bessere Alternative für solche Kinder, jedenfalls besser als bei irgend so einem zwielichtigen Verwandten untergebracht zu werden.

Ich habe genug gehört,“ erklärte David entschieden.“Aber ich glaube die Polizei würde von dir sicherlich gern noch etwas über deinen Großonkel Professor hören. Da vorne ist der Schaffner gerade ins Abteil gekommen. Du bleibst hier sitzen, und ich rede mit ihm. Er wird die Polizei anrufen, und heute Nacht schläfst du an einem sauberen und sicheren Ort.“

David stand auf, und das Mädchen folgte ihm wie angeklebt.

Ich würde das nicht tun, wenn ich du wäre,“ sagte sie entschieden, „wirklich nicht“.

Du musst keine Angst haben,“ versuchte David sie zu beruhigen. „Die Polizei und das Jugendamt werden dir nichts Schlimmes antun. Sie werden einfach nur mit deinem Onkel sprechen. Und dann werden sie vermutlich entscheiden, dass du lieber bei deinen Großeltern wohnen solltest, genau wie deine Geschwister.“

Ich habe keine Angst vor der Polizei oder vor diesem Amt. Aber ich denke du solltest trotzdem nicht mit ihnen reden oder mit dem Schaffner, weil das nicht gut für dich wäre,“ sagte das Mädchen geheimnisvoll.

Für mich?“ David sah sie überrascht an. Drohte sie ihm etwa? Sie sah nicht aus als ob sie der Typ dafür wäre.

Das Mädchen biss sich auf die Lippen: „Du musst das verstehen, die werden mich nicht sehen. Und deshalb werden sie dir nicht glauben.“

Die werden dich nicht sehen?“ Jetzt war David völlig verwirrt.

Sie können es nicht, weil ich nämlich nicht wirklich hier bin, ich meine hier in deiner Zeit an diesem Ort.“

Was bist du nicht?“ David versuchte seine Hand auf die Schulter des Mädchens zu legen, da verschwand sie plötzlich, nur um augenblicklich ein paar Zentimeter von seiner Hand entfernt wieder aufzutauchen. Noch einmal versuchte er sie an der Schulter festzuhalten, und dasselbe geschah, nur dass er diesmal das Gleichgewicht verlor und fast auf die Krankenschwester auf der gegenüberliegenden Sitzbank gefallen wäre. Der Krankenschwester schien das überhaupt nicht zu gefallen, zuerst rückte sie aus Davids Reichweite und dann stand sie auf, um mit schnellen Schritten am anderen Ende des Abteils die sichere Nähe des Schaffners und der anderen Fahrgäste dort zu suchen.

Sie kann mich nicht sehen, und die dort drüben können es auch nicht,“ behauptete das Mädchen und deutete auf die beiden Jugendlichen.

Die hatten ihr Schubs-Spiel zeitweise unterbrochen und flüsterten einander grinsend etwas zu, wobei sie David von der Seite anstarrten.

Die denken, dass du dich komisch benimmst. Du redest mit dir selber und versuchst die Luft einzufangen,“ erklärte sie.

David ließ sich wieder auf die Sitzbank zurückfallen. Er fühlte sich geschlagen, erschöpft und leer. Der Zug war gerade dabei für die nächste Haltestelle zu bremsen. Und als die Türen sich öffneten stiegen einige der Fahrgäste vom anderen Ende aus, unter ihnen die Krankenschwester. Die beiden Jugendlichen blieben im Abteil. Sie hatten das Interesse an David verloren. Der Zug fuhr wieder an.

David war nichts davon mehr wichtig. Er saß da und hatte nur einen einzigen Gedanken: „Ich bin verrückt, ich habe endgültig meinen Verstand verloren, gestört ...durchgeknallt...wahnsinnig.“

Nein, das bist du nicht,“ sagte die Stimme. „Du bist nicht verrückt, DU BIST ES NICHT!“

David wollte nicht mehr zuhören. Eine Stimme in seinem Kopf, die ihm sagte, dass er nicht verrückt sei, war nicht gerade eine besonders zuverlässige Zeugin, dachte er.

In den letzten paar Monaten hatte David angefangen zu trinken, und das nicht nur zu gesellschaftlichen Anlässen - um genau zu sein, hatte er überhaupt nicht mehr in Gesellschaft getrunken, sondern ausschließlich alleine in seiner Ein-Zimmer Kellerwohnung. Er hatte praktisch kaum noch irgendjemanden getroffen. Sein häufigster Außenkontakt war der Verkäufer im Alkoholladen gewesen. Und David hatte viel getrunken. Und doch hätte er nicht gedacht, dass er schon so weit abgerutscht war.

Sie nennen es Delirium Tremens oder so was ähnliches, dachte David. Er betrachtete die Hände in seinem Schoß. Er hob sie leicht an. Sie zitterten nicht. Aber vielleicht kamen die Halluzinationen auch schon vor dem Zittern, die weißen Mäuse und die rosa Elefanten.

Ich bin kein Elefant und auch keine Maus!“ Die Halluzination redete mit David und zwar so laut, dass er Kopfschmerzen im Anzug fühlte.

Und ich bin auch keine Halluzination. Ich bin Hope, Hope Morgan und ich komme aus der Zukunft.“

Aber sicher,“ stimmte David der Halluzination zu. „Und außerdem bist du ein formwandelndes Alien vom Planeten Zorax. Und du bist gekommen, um meinen Körper zu übernehmen, oder ihn vielleicht auch nur in dein Raumschiff zu teleportieren, um ihn da aufzuschneiden und irgendwelche Sender einzusetzen oder sonstige Experimente damit anzustellen.“

Die Jungen von der gegenüberliegend Sitzbank schienen das gehört zu haben, denn sie hatten wieder angefangen zu lachen und David Seitenblicke zuzuwerfen. Aber als er ihnen dann direkt in die Augen sah, standen sie auf und bewegten sich ziemlich schnell in Richtung Tür, um dort auf die nächste Haltestelle zu warten.

Jetzt bin ich ein Kinderschreck geworden; sogar große Kinder haben Angst vor mir, dachte David. Wahnsinnige Leute sind angsteinflößend.... sie könnten jeden Moment gewalttätig werden.

Die Stimme in Davids Kopf widersprach: „Du bist nicht wahnsinnig. Auch wenn ich in dieser Zeit und an diesem Ort nur in deinem Kopf bin, so bin ich doch wirklich. Ich existiere, nur nicht in deiner Zeit.“

David antwortete nicht, und er versuchte auch nicht zu denken. Er starrte einfach nur gebannt aus dem dunklen Fenster und konzentrierte sich auf das monotone Geräusch des Zuges, das nur vom Quietschen der Bremsen unterbrochen wurde, ebenso wie die Dunkelheit des Tunnels vom Licht einer weiteren U-Bahnstation abgelöst wurde. Die Stimme hatte aufgehört zu reden, aber aus den Augenwinkeln konnte David erkennen, dass das halluzinierte Kind immer noch da war.

Noch eine Haltestelle und er würde aussteigen. Von dort wären es dann nur noch fünf Minuten bis zu seiner Kakerlaken geplagten Wohnung.

Ich mag Kakerlaken, dachte David. Die sind normal, die sind nicht verrückt. Die haben zwar kein besonders großes Gehirn, dafür können sie aber einen Atomangriff überleben.

Wieder bremste der Zug ab und blieb dann am Bahnsteig stehen. Die Türen öffneten sich und David stand auf. Seine Beine fühlten sich so schwach an, dass sie kaum noch sein Gewicht tragen konnten. Raus aus der Tür, rüber zur Treppe und dann der langsame Aufstieg... Er musste sich am Geländer festhalten, um aufrecht stehen zu können. Er sah die Halluzination neben sich nicht an, obwohl er ihre Gegenwart bei jedem Schritt spürte. Und er schaute auch nicht zum Zug zurück.

Er würde es heute Nacht nicht tun... nicht während sie da war und ihn beobachtete. Sie war vielleicht nur eine Halluzination - natürlich war sie das - aber trotzdem... sie sah nun einmal aus wie ein Kind. Er konnte es einfach nicht vor einem Kind tun.

Oben angekommen begrüßte ihn die dunkle Kühle der Nacht. Natürlich war es nicht wirklich dunkel. Dies war New York, die South Bronx, die Ecke von der 149. Straße und der Grand Sacrecors, eine Einkaufsstraße. Die Lichter hier leuchteten die ganze Nacht, auch wenn die Geschäfte geschlossen und die Gitter heruntergelassen waren. Ich sollte von hier nach Süden zum Krankenhaus an der nächsten Ecke gehen, dachte David. "Kennedy Medical and Mental Health Center" hieß es, und deren psychiatrischen Abteilung würde ihn in seinem Zustand sicherlich aufnehmen. Aber andererseits war David sich ziemlich sicher, dass seine Krankenversicherung ausgelaufen war, und so wandte er sich stattdessen in Richtung Homines Community College.

Da brannten auch noch Lichter - ein paar Studenten, die noch bis spät in die Nacht studierten oder vielleicht deren Lehrer? Aber wahrscheinlich waren es eher die Putzkräfte. Aber wenn er die Nachbarschaft hier bedachte, wäre David auch nicht besonders überrascht, wenn da drin Leute wären, die überhaupt keine legitime Berechtigung hatten dort zu sein

David hatte noch nicht sehr lange in dieser Gegend gewohnt. Erst seit Tina aus ihrem gemeinsamen Manhattan Apartment ausgezogen war und Mikey mitgenommen hatte. Und als dann die Miete für den nächsten Monat fällig war, da musste David natürlich ausziehen. Manhattan Mieten gingen weit über die Verhältnisse eines arbeitslosen Reporters. Aber jetzt würde auch bald die South Bronx über Davids Verhältnisse gehen.

Er ließ das Community College hinter sich und bog in die Veriton Avenue ein. David warf der stillen Gestalt des Mädchens neben ihm, die immer noch sichtbar war (na ja zumindest für ihn noch sichtbar) einen verstohlenen Blick zu. Wenn er nicht vorher schon gewusst hätte, dass etwas mit ihr nicht in Ordnung war, dann wüsste er es spätestens jetzt. Das Mädchen leuchtete in der Dunkelheit. Es war nicht so, als ob sie ihre Umgebung erleuchtete, es sah eher aus, als ob das Licht völlig in ihr gefangen wäre.

David hatte genug. Er blieb stehen und drehte sich direkt zu ihr: „Warum sagst du nichts mehr?“

Das Mädchen zuckte die Achseln: „Du hast nicht zugehört. Du warst viel zu sehr damit beschäftigt, dir selbst einzureden, dass du verrückt bist. Und außerdem bin ich nur hierher geschickt worden, um dich daran zu hindern, dich selbst umzubringen. Und das machst du ja gerade nicht. Dann muss ich auch nichts sagen.“

Was geht es dich eigentlich an, Mädchen aus der Zukunft, ob ich mich umbringe oder nicht?“ fragte David verärgert. „Es ist mein Leben. Warum kann ich damit nicht tun, was ich will - es loswerden wenn ich das will?“

Weil es eine Sünde ist,“ war die überraschende Antwort, „eine sehr schwere Sünde!“

Eine Sünde? David öffnete den Mund und schloss ihn dann wieder. Eine Halluzination war normalerweise eine Projektion des eigenen Unterbewusstseins. Aber David war nicht religiös. Er war ein überzeugter Atheist und das schon mindestens, seit er 14 war. Und in all der Zeit seither hatte er nie eine religiöse Person - ganz besonders keine christliche - getroffen, die er ernst genug genommen hätte, dass ihre Ansichten ein Teil seines Unterbewusstseins hätten werden können. Aber da war sie, sie stand direkt vor ihm, eine religiöse Halluzination.

Es hatte nur eine Person in seinem Leben gegeben, die mit ihm über Gott gesprochen und ihm sogar ein paar Gebete beigebracht hatte - das war seine isländische Großmutter gewesen. Sie war gestorben, als er erst zehn Jahre alt gewesen war.

Hatte sie mit ihm über Sünde gesprochen? Das musste sie wohl getan haben. Und jetzt aus den Erinnerungen seiner Kindheit, aus den Tiefen seines Unterbewusstseins, hier war die Stimme seiner Amma.

Eigentlich“, sagte die Stimme, die überhaupt nicht klang, wie die seiner Amma, „eigentlich bin ich nicht die Stimme deiner Großmutter. Du könntest eher sagen ich bin die Stimme deiner Ur-ur-ur-,“ sie begann an den Fingern zu zählen, „-ur-ur-enkelin.“

Du bist meine..... du behauptest ich bin dein was?!" David konnte das mit seinem Verstand noch nicht ganz erfassen.

Ja, du bist mein Ur-ur-ur-ur-ur-großvater. Und das ist der Grund, warum ich herkommen konnte. Anders wäre das nicht möglich gewesen.“

Warum nicht?“ David beschloss so zu tun als ob. Vielleicht konnte er ja damit sein Unterbewusstsein so weit beruhigen, dass es ihn dann in Ruhe ließ.

Wenn du eine Bewusstseins-Zeitreise machst, dann musst du zuerst ein Bewusstsein finden, dessen Gehirn dieselben Deltawellen produziert hat wie dein eigenes, und das ist nur bei sehr nahen Verwandten der Fall.“

Aha, so ist das,“ sagte David ohne große Überzeugung.

Du glaubst mir immer noch nicht,“ beschuldigte ihn seine Ur-ur-irgendwas-Enkelin.

Es hört sich ein bisschen weit hergeholt an,“ gab David zu, „Deltawellen und so was...“

Ich weiß, dass es kompliziert ist,“ gab das Mädchen zu, gerade als ihnen zwei junge Männer in dunklen Hoodies entgegen kamen, die offensichtlich etwas Härteres als Alkohol intus hatten und David mit ziemlich aggressiven Blicken beäugten.

Das unsichtbare Mädchen schien das auch bemerkt zu haben und fuhr deshalb fort: „Aber komm, gehen wir zuerst nach Hause zu dir und dann erklär ich dir das...“

In Ordnung,“ David nickte und setzte seinen Heimweg fort. Schweigend gingen sie die Veriton Avenue hinauf, bis sie vor dem am meisten heruntergekommenen Gebäude der ganzen Straße halt machten. Genau wie die umliegenden Häuser war es ein Backsteingebäude. Es war teilweise rot verputzt, teilweise, weil mehr als die Hälfte des Putzes abgebröckelt war. Eine Außentreppe führte zur Eingangstür im ersten Stock hinauf, ein Teil der Farbe und des Betons der Stufen fehlte.

David ging nicht die Treppe hinauf. Sein Eingang war links unter der Treppe. Er schloss die Tür auf und betrat etwas, was man nur mit viel Fantasie ein Wohnzimmer nennen konnte oder auch ein Schlafzimmer, denn die Klappcouch diente ihm als Bett. In der rechten Ecke führte eine geöffnete Tür in die Küche, die so klein war, dass wenn man die Tür schloss, zwei Leute darin kaum Platz hätten. Neben der Küche war ein Badezimmer mit Dusche Toilette und Miniwaschbecken auf einem einzigen Quadratmeter.

Die Wohnung war eigentlich ziemlich sauber; keine Pizzaschachteln auf dem Tisch und auch keine leeren Coladosen oder Whiskey-Flaschen darunter oder schmutzige Kleider auf dem Fußboden oder der Couch. David hatte am Morgen saubergemacht (wahrscheinlich das erste Mal in drei Monaten!) - in der Annahme, dass die Polizei oder zumindest sein Vermieter bald auftauchen würden, und man wollte doch nicht als letzten Eindruck hinterlassen, dass man durch und durch verschlampt war - oder so was ähnliches hatte David am Morgen gedacht...

Und jetzt, nachdem er das Licht angeschaltet hatte, war David eigentlich ganz froh, dass es bei ihm einiger Maßen sauber war, denn immerhin hatte er ja doch eine Besucherin, obwohl sie weder von der Polizei, noch ganz real war.

Aber als er sich dann auf sein Sofa fallen gelassen hatte, fühlte David wie völlige Erschöpfung sein Bewusstsein und seinen Körper überflutete. Es war wirklich ein langer Tag gewesen, ein sehr langer Tag.

Er hatte damit begonnen, dass David aufgewacht war und festgestellt hatte, dass ihm sowohl der Whiskey als auch die Aspirin ausgegangen waren. Der Gedanke ein weiteres Mal zum Alkoholladen zu schlurfen, hatte ihn ebenso deprimiert, wie der Gedanke an einen anderen sinnlosen Tag--einen Tag ohne die Arbeit die er so sehr geliebt hatte, einen Tag ohne Tina und am allermeisten einen Tag ohne Mikey.

Er erinnerte sich noch genau an die Zeit, wo er Tag und Nacht gearbeitet hatte, ohne sich Zeit für Tina oder Mikey zu nehmen. Sicher, Tina war mit der Situation eigentlich ganz zufrieden gewesen. Sie hatte in ihrer eigenen Arbeit selbst mehr als genug zu tun. Und sie war ebenso ehrgeizig wie er es damals gewesen war.

Aber Mikey, oh Mikey... Sie hatten eine gute Nanny für ihn angeheuert, und die hatte sehr gute Arbeit geleistet. Aber David war kein guter Vater gewesen, obwohl er es damals immer verdrängt hatte. Und jetzt war das einzige, wonach er sich noch sehnte, noch einmal eine Chance zu bekommen, nur noch eine Chance ein guter Dad zu sein. Aber die würde er nicht bekommen. Er hatte das Besuchsrecht für Mikey völlig verloren, und es gab sogar eine gerichtliche Verfügung, die besagte, dass er sich Tina und Mikey in keinster Weise nähern durfte. Und seit letzter Woche lag der gesamte Kontinent zwischen ihnen.

Wenn Tina Mikey nicht so völlig aus Davids Leben genommen hätte, dann hätte seine eigene Existenz noch eine Bedeutung. Was auch immer falsch lief mit der Welt und mit ihm, da wäre immer noch Mikey. Mikey war das, was gut war auf dieser Welt. Aber David hatte seine Arbeit verloren und jede Chance irgendwann einmal wieder von einer respektablen Zeitung oder einem Nachrichtenmagazin angestellt zu werden, und er hatte Mikey verloren. Was blieb ihm da noch?

Und so war David zu dem Schluss gekommen, dass es nichts mehr gab, für das es sich zu leben lohnte. Er hatte seine Wohnung aufgeräumt und war dann den Rest des Tages ziellos durch die Stadt geschlurft. Dann hatte er die U-Bahn Nummer 4 genommen von Norden nach Süden und wieder zurück. Und das hatte ihn auf die Idee gebracht, dass die U-Bahn genau der Ort war, um es zu tun. Und so um vier Minuten vor Mitternacht war David an der Spesveniat Haltestelle auf dem Bahnsteig gestanden und hatte auf den Zug nach Süden gewartet.

Der Zug hatte sechs Minuten Verspätung gehabt, während das Mädchen, das behauptete seine Ur-ur-ur-ur-ur-Enkelin zu sein gerade rechtzeitig da war. Rechtzeitig wofür, darüber war David sich nicht ganz im Klaren.

Er sah sie noch einmal an, diese sonderbare Vision, die schweigend zurück starrte, wie sie ihm so auf dem einzigen Stuhl im Zimmer gegenüber saß.

Zu erschöpft um noch einen klaren Gedanken fassen zu können, wollte David heute Abend nichts mehr hören.

Du hast mir gesagt, die Sache mit den Deltawellen sei kompliziert. Können wir die Erklärungen bitte auf morgen verschieben? Außer du musst heute Nacht bereits wieder verschwinden.“

Nein, ich bleibe eine Weile,“ versprach das Mädchen, und David war sich nicht ganz sicher, ob das nicht eher eine Drohung war.

Ich vermute, dass ich dir nichts zu essen anbieten kann, da du ja nicht wirklich hier bist und du deshalb auch keinen wirklichen Mund oder Magen hast.“

Das Mädchen nickte zustimmend.

Dann gute Nacht,“ sagte David einfach, als er sich auf der Couch ausstreckte und sich in den Teppich wickelte, der zuvor die abgeschabten Polster bedeckt hatte, ohne sich auch nur die Zeit zu nehmen sich auszuziehen. Die Zeit das Licht auszuschalten nahm er sich auch nicht, - er wollte es nicht unbedingt riskieren, mitten in der Nacht einem leuchtenden Gespenst gegenüber aufzuwachen.

Er schloss die Augen und schlief fast sofort ein.

Sonderbare Visionen bevölkerten seine Träume: ein dröhnender Zug verfolgte ihn, dann schwebte ein leuchtendes Kind auf einer Wolke heran. Es streckte die Hand nach ihm aus und zog ihn hoch auf die Wolke.

Mikey saß auch dort auf der Wolkenbank, mit einem breiten Lächeln auf seinem kleinen Gesicht und die Beine vergnügt schaukelnd. Aber als David sich ihm nähern wollte, stand Mikey auf, drehte sich um und hüpfte auf eine andere Wolke. David wollte ihm folgen, aber er konnte seine Füße nicht bewegen. Mikey's Wolke verschwand am Horizont.

Und dann war David nicht mehr in den Wolken sondern wieder auf der Erde. Über ihm flogen Bomberjets, und neben ihm explodierte etwas. Um sich herum konnte er das Rattern von Maschinengewehren hören. Und wohin er auch blickte, sah er tote oder verwundete Kinder liegen, und die verängstigte Stimme eines Kindes schrie: „Nein, nicht zu den dunklen Zeiten.... den dunklen Zeiten, den dunklen Zeiten....“




***



Professor Morgan und Mr Wang haben mit den in ihren Armbandkontrollern eingebauten Scannern die Gasse ausgekundschaftet. Es gibt hier wirklich keine Überwachungskameras oder versteckte Mikrofone, noch ist hier irgendeine lebende Seele zu sehen.

Nur wenige Fenster der umliegenden Häuser lassen einen Blick auf die Gasse zu, keins davon ist ebenerdig. Es ist immer noch früh am Morgen und deshalb unwahrscheinlich, dass die Bewohner dieser heruntergekommenen Gegend bereits wach oder auch nur klar genug sind, um sich für die kleine Gruppe von Leuten zu interessieren, die hier um einen Gullydeckel herumstehen.

Ja ich kann mir gratulieren, ich habe wirklich den passendsten Ort für den Eingang zu meinem Fluchttunnel gewählt.

Der Professor öffnet wieder den Kanaldeckel und klopft leicht auf seinen Armbandkontroller. Ein dunkelhäutiger Mann von etwa Mitte zwanzig, der bereits auf der Leiter gewartet hat, steigt jetzt von unten herauf. Gekleidet ist er in schwarze Jeans und eine offene Jacke aus demselben Stoff über einem leuchtend roten T-Shirt. Auf seinem Rücken trägt er einen riesigen grauen Rucksack gefüllt mit schwerem Gerät.

Ich habe ihn noch nie zuvor gesehen, aber er scheint den Professor und Mr Wang zu kennen, würdigt deren Anwesenheit jedoch nur mit einem schwachen Kopfnicken, bevor er sich hinunterbeugt um mehrere ähnliche Taschen, die ihm von unten hoch gereicht werden, an die Oberflächen zu hieven.

Danach steigen neun weitere Männer aus dem Kanal, deren Kleidung sich nur in der Farbe ihrer T-Shirts vom ersten Mann unterscheiden.

Mit einem kaum gemurmelten Gruß machen die Freiwilligen sich sofort ans Werk die Gegend abzusichern.

Ich weiß natürlich, was sie da tun. Sie installieren elektronische Abschirmprojektoren die gesamte Gasse entlang, um die nachfolgenden Freiwilligen, ebenso wie die später erwarteten Flüchtlinge, vor einem potentiellen Angriff zu schützen. Die Abschirmprojektoren reflektieren das Licht auf eine so geniale Weise, dass es den ganzen Ort und jeden Menschen darin für alle unsichtbar macht, die sich nicht in dem abgeschirmten Bereich aufhalten.

Die Arbeit ist schon weit fortgeschritten, als der erste Mann sich endlich dazu bequemt sich vorzustellen. Er dreht sich zu mir um mit den Worten:

Oh übrigens, ich bin Darryl Kenneth. Sie sind Jonathan Galt, stimmt's?“

Ich nicke einfach nur.

Darryl Kenneth deutet auf sein Team: „Dies sind Tom Parshon, Jim Lavon, Jess Porter und Vance Drake. Sie sind wie ich aus dem Dorf 'Roads End' und da drüben sind Cass Dakota und Brent Spanner aus 'Desert Spring' und Patrick Covat, Derrick Kelly und Antonio Fernandez sind aus 'DeSoto Southwestcorner'.“

Stolz fügt er dann hinzu: „Wir sind alle aus der Nation Texas. Und die Teams aus unseren Dörfern und fünfzehn weiteren, die noch im Kanal unterwegs sind, waren die ersten, die sich freiwillig gemeldet haben, gleich als wir von dem Problem gehört haben.“

'Problem' ist wahrscheinlich die Untertreibung des Jahrhunderts. Ich weiß nicht Recht, wie ich darauf antworten soll. Deshalb sage ich einfach: „Ihre Leute scheinen gut vorbereitet zu sein.“

Nach dem, was ich gehört habe, wurden die Texaner und ein paar andere Teams aus den westlichen Nationen von Nordamerika vor allem deshalb ausgewählt, weil ihre Kleidung kaum Änderungen bedarf, um sich der Nephilim City Umgebung anzupassen, wo die männliche Nicht-Eliten Bevölkerung meist auch schwarze und blaue Jeanskleidung und bunte T-Shirts trägt.

Das ist natürlich ein ganz anderer Stil als der von der Spesaeterna Gruppe, die jetzt ihre heimische Kleidung mit den verdächtigen Symbolen unter den neuen und schlechtsitzenden Jeanshosen und Jacken verstecken müssen.

Mr Wang dreht sich zu Darryl um und brummt in seiner typisch abrupten Art: „Wir haben einen engen Zeitplan. Sind Sie und Ihre Männer bereit für die nächste Stufe, Mr Kenneth?“

Natürlich,“ Darryl klopft auf seinen Armbandkontroller. Im selben Augenblick drehen sich die anderen Texaner um und überlassen die Arbeit an den Projektoren einer neuen Gruppe von Freiwilligen, die gerade aus dem Kanal gestiegen sind. Zusammen folgen sie mir und meinen Begleitern aus der Gasse.


***



David wachte auf, und es war Morgen. Das schwache Licht, das durch sein Kellerfenster drang, stand in Konkurrenz zu dem der Glühbirne, die von der Decke baumelte. Das Tageslicht war dabei den Wettbewerb zu gewinnen, aber nur knapp.

David setzte sich und rieb sich die Augen. Die Halluzination war immer noch da, dort auf dem Stuhl gegenüber. Und sie starrte ihn an.

Ich heiße Hope,“ sagte sie entschieden.

Hope, die Hoffnung, ist wohl weiblich in jeder Sprache, dachte David, aber Hoffnung auf was?

Dann fragte er frustriert: „Liest du eigentlich alle meine Gedanken, und weißt du alles über mich?“

Nein, nicht alles,“ erklärte ihm Hope, "nur das, was in deinem Bewusstsein ganz vorne ist, worauf du dich gerade konzentrierst. All die anderen Sachen sind so schwach, ich kann sie zwar fühlen, aber nicht verstehen."

Dann fragte sie ganz unerwartet: „Wer ist Mikey?“ Und als David zögerte, fügte sie hinzu: „Du weißt schon, der kleine Junge auf der Wolke.“

Du bist also auch in meine Träume eingebrochen.“ Da lag eine Anklage in Davids Stimme.

Vielleicht bist du in meine eingebrochen,“ verteidigte sich Hope. "Ich habe auch geschlafen."

Wirklich?“ David war nicht ganz überzeugt, dann antwortete er widerwillig: "Also, wenn du es unbedingt wissen willst, Mikey ist mein Sohn. Er ist vier."

Und weil er das Thema nicht weiter verfolgen wollte, stand David auf. „Und jetzt muss ich ins Bad.“

Hope machte alle Anstalten ihm zu folgen.

Du wirst mir doch wohl nicht auf die Toilette verfolgen?“ Jetzt machte sich fast ein bisschen Verzweiflung in David Platz. Er musste wirklich dringend. „Ich kann auf keinen Fall duschen und ..... andere Sachen, während du mich dabei anstarrst.“

Hope biss sich auf die Lippen, das schien eine Gewohnheit von ihr zu sein. „Ich muss die ganze Zeit bei dir bleiben oder ich verliere die Verbindung,“ erklärte sie, doch dann kam ihr eine Idee: „Ich denke ich könnte mich auf andere Dinge konzentrieren, während du im Badezimmer bist.“

Im gleichen Augenblick verschwand das Bild des Mädchens und wurde von einer schwachen Vision von blauem Himmel und weißen Wolken ersetzt. Die Wolken bewegten sich langsam. Das Ganze erinnerte ihn an die schwache Reflektion von ihm selbst, wenn er in ein Schaufenster sah, wobei hinter dem eigenen Spiegelbild die Auslagen im Fenster weit sichtbarer waren. Gerade war die Vision nur in seinem linken Augenwinkel erkennbar. Gleichzeitig hörte er eine schwache Musik und ein leises Singen, aber die Worte konnte er nicht ausmachen.

Dann änderte sich die Vision, und statt des Himmels sah er nun von oben auf eine bewaldete Landschaft hinab, die von Wiesen und Häuserblocks unterbrochen wurde - es war als sähe er alles aus der Vogelperspektive oder vielleicht aus der eines sehr langsamen und tieffliegenden Flugzeuges. Jeder Häuserblock wurde von Gebilden umrahmt, die an Zirkuszelte erinnerten.

Die Vision änderte sich wieder abrupt und David konnte jetzt das Innere eines Gebäudes erkennen, das wie eine Kirche aussah, mit einem Kreuz vorn und Heiligenstatuen darunter. Die Worte des Liedes wurden etwas klarer, und David dachte, er höre etwas, das wie Gott und Jesus klang.

David fragte sich, ob Hope vielleicht gerade betete.... dann änderte sich die Vision wieder zu der Vogelperspektive der Landschaft.

David beschloss die Visionen zu ignorieren und ging zum Schrank, um sich frische Kleider und Handtücher zu holen. Er duschte sich heiß und rieb danach den beschlagenen Spiegel über dem Waschbecken ab.

Er betrachtete sein Gesicht und musste zugeben, dass es kein Wunder war, dass die Krankenschwester und die beiden Jugendlichen letzte Nacht Angst vor ihm gehabt hatten. Er sah ja auch wirklich ganz schön furchteinflößend aus.

Als er noch seinen Job hatte, da hatte er immer großen Wert auf seine äußere Erscheinung gelegt. Nicht, dass er immer Anzüge getragen hätte; Anzüge waren oft nicht das richtige Outfit für einen Reporter. Aber auch in Jeans und Sweatshirt war er immer darauf bedacht gewesen, sauber und frisch auszusehen. Es war genau dieses junge, unschuldige Image, das ihm damals so viele Türen geöffnet hatte.

Jetzt sah er aus als wäre er weit über seine 31 Lebensjahre hinaus. Er hatte sich seit mindestens drei Monaten die Haare nicht mehr schneiden lassen, so dass dunkelblonde Locken seine Ohren bedeckten und ihm tief im Nacken hingen. Und während die Dusche seine Haare etwas gezähmt hatte, so wusste er doch, dass sie letzte Nacht mit Sicherheit ungekämmt wild in die Luft gestanden hatten. Er hatte sich auch seit einer Woche nicht mehr rasiert und dunkle Schatten umrahmten seine grau-blauen Augen. Und da seine Nahrung in den letzten paar Wochen hauptsächlich flüssiger Natur gewesen war, hatte er auch einiges an Gewicht verloren. Das war wohl dann der Grund dafür, dass seine Wangenknochen so stark hervorstanden, dass sie wie die Gewölbe zweier gammliger von Moos bedeckten Höhlen wirkten.

Na gut, dachte er, rasieren wird vermutlich den Anblick ein klein wenig verbessern, obwohl höchstwahrscheinlich nicht all zu viel.

Als David aus dem Badezimmer kam, rasiert und in sauberen Kleidern, rief er: „He du, äh, he Hope--- du kannst wieder rauskommen!“

Die Gestalt der kleinen Hope wurde sofort wieder sichtbar, wobei gleichzeitig die Waldlandschaft, die gerade in seinem Augenwinkel dahingezogen war, verschwand.

David nickte ihr zu und ging dann in die Küche, um sich den Inhalt des Kühlschranks zu betrachten. Er hatte plötzlich Hunger. Aber wie er ganz richtig vermutet hatte, war nichts essbares darin zu erblicken, außer vielleicht eine einsame Cola ganz hinten. Mit einem spöttischen Lächeln bot er sie Hope an. Als sie den Kopf schüttelte, öffnete er die Dose und trank den Inhalt in einem einzigen Zug. Dann lehnte er sich an den Kühlschrank und forderte sie heraus: „Wenn du eine wirkliche Person bist irgendwo, dann musst du doch hungrig oder durstig sein.“

Während mein Bewusstsein hier ist, wird mein Körper intravenös ernährt,“ erklärte Hope. „Die Nahrung wird direkt durch einen dünnen Schlauch und eine Kanüle ins Blut getropft.“

Ich weiß, was intravenös bedeutet,“ David lächelte. Er war leicht amüsiert darüber, dass er von einem kleinen Mädchen eine Lektion in medizinischen Fachbegriffen bekam.

Du fühlst dich jetzt besser,“ bemerkte Hope. „Und bald wirst du auch besser aussehen, wenn du gegessen und frische Luft geschnappt hast. Du siehst wirklich nicht so alt aus, wie du denkst, nur sehr müde.“

Du warst also doch mit mir im Badezimmer - wo du doch versprochen hast dein Bewusstsein woanders hinzubewegen!“ beschuldigte sie David

Ich war nur für einen Augenblick da, wirklich nur einen ganz kleinen, als du gerade in den Spiegel gesehen hast,“ erwiderte Hope ein wenig kleinlaut. „Ich musste einfach wissen, wie du aussiehst.“

Du hast mir doch seit gestern Abend ständig ins Gesicht gestarrt,“ David schüttelte den Kopf. „Inzwischen müsstest du es in und auswendig kennen.“

Ich hab in dein Bewusstsein geschaut, nicht in dein Gesicht,“ erklärte Hope ihm. „Ich sehe, was du siehst..... durch deine Augen. Bis jetzt konnte ich mir nur vorstellen, wie du aussiehst. Bevor ich dich im Spiegel gesehen habe, war dein Gesicht so etwas wie ein verschwommener Fleck für mich.“

Am besten du erklärst mir jetzt, wie das mit dieser Zeitreise funktioniert,“ forderte David das Mädchen auf.

In Ordnung,“ Hope atmete tief und begann:

Also wie ich dir bereits letzte Nacht erklärt habe, so hat der Prozess des Zeitreisens etwas mit bestimmten Hirnströmen zu tun, die Deltawellen genannt werden. Mein Großonkel und einige seiner Wissenschaftlerfreunde aus anderen Dörfern haben entdeckt, dass diese Wellen irgendwie durch Raum und Zeit hindurch stoßen können und zwar von einem Gehirn in ein anderes. Sie haben eine Maschine entwickelt, so etwas wie einen Verstärker mit einer eine Zielerfassungsapparatur - und jetzt können sie diesen Prozess kontrollieren und ausrichten. Mit dieser Apparatur kann jemand sein ganzes Bewusstsein durch diese Deltawellen in das Gehirn einer anderen Person reisen lassen, aber nur so lange das Gehirn des Empfängers dieselben Deltawellen produziert wie das des Senders, was eigentlich nur bei sehr nahen Verwandten der Fall ist, und selbst dann ist so eine Reise nicht immer durchführbar.“

Dann nehme ich mal an, dass Leute aus deiner Zeit diese Bewusstseinszeitreisen schon überall hin gemacht haben....ich meine in alle Zeiten?“ David fand den Gedanken irgendwie faszinierend. „Hast du schon deine Vorfahren im alten Rom oder in der Steinzeit besucht?“

Natürlich nicht,“ Hope wies diesen naiven Vorschlag zurück. „Wie ich dir schon gesagt habe, ist das ein sehr komplizierter und spezifischer Prozess. Zuerst einmal brauchst du Leute deren Hirnwellen zueinander passen. Und dann musst auch noch die genaue Zeit und den Ort wissen, worauf du die Wellen ausrichten musst. Denn wenn du sie zu den falschen Raumzeitkoordinaten schickst, dann verpuffen sie einfach in Zeit und Raum. Bis jetzt konnte die Bewusstseinszeitreise nur bei eineiigen Zwillingen und auch nur über einen Zeitunterschied von ein paar Stunden bis zu einem oder zwei Tagen durchgeführt werden. Du bist der erste Empfänger, der jemals außerhalb unserer eigenen Zeitperiode gelebt hat.“

Hmm, lass mich mal nachdenken...“ David kratzte sich am Kopf, während er versuchte das, was er gerade gehört hatte, einzuordnen. „Das würde doch bedeuten, dass du irgendwie an meine Raumzeitkoordinaten gekommen bist, und zwar genau dort letzte Nacht auf dem Bahnsteig der U-Bahn ....und die hast dann etwa - sagen wir mal zweihundert Jahre in der Zukunft bekommen.... Wie bitteschön hast du das denn fertig gebracht? Werden die Daten der Sicherheitskameras wirklich für die gesamte Ewigkeit aufbewahrt? Kann ich mir eher nicht vorstellen.“

Ich habe keine Ahnung von diesen Kameradaten,“ antwortete Hope. „Aber Großonkel Professor hat mir erklärt, er habe deine Daten in einem kleinen Metallzylinder gefunden. Und diesen Zylinder hat er von seiner eigenen Großmutter bekommen, als er selbst ein Junge in meinem Alter war.“

Plötzlich tauchte etwas in der Luft schwebend vor Davids Augen auf, das aussah wie ein ganz normaler silberfarbener Flash-Speicher-Stick.

Hope fuhr mit ihren Erklärungen fort: „Allerdings war dieser Metallzylinder irgendwie beschädigt worden, und die Daten nur teilweise lesbar, und deshalb konnte er nur ein paar Worte und Sätze entziffern. Aber deine Koordinaten von gestern Nacht waren ganz eindeutig. Und das waren die einzigen, die mein Großonkel für dich hatte - die einzige Zeit, wo man dich erreichen konnte. Und das ist das, was ich gestern Nacht versucht habe dir zu erklären.“

In Ordnung,“ sagte David, aber er sah den Flash-Stick, der immer noch in der Luft schwebte, ziemlich skeptisch an „Du hast vielleicht irgendwie gewusst, wo ich zu einer bestimmten Zeit war. Aber was ist dann mit den Deltawellen, von denen du geredet hast, die nur bei wirklich nahen Verwandten übereinstimmen. Ein fünf-mal entfernter Urgroßvater ist ja nicht unbedingt ein sehr naher Verwandter. Warum sollten also unserer beider Wellen zusammenpassen?“

Na ja...“ Der Flash-Stick verschwand und Hope biss sich mal wieder auf die Lippen. „Äh..., ich glaube, das muss ein himmlisches Wunder gewesen sein.“

Ein himmlisches Wunder. David atmete aus und ärgerte sich über sich selbst. Er hatte fast schon geglaubt, dass sie real war, dass es wirklich eine wissenschaftliche Erklärung für all dies gab, eine andere als dass er nur einfach den Verstand verloren hatte. Und jetzt kam sie schon wieder mit diesem Religionsschwachsinn. Wie hatte er sich auch nur für einen Moment dazu bringen können, an etwas so irres wie das Zeitreisen zu glauben?

Hope starrte David schweigend an, und er erinnerte sich daran, dass sie ja wusste was er dachte. Natürlich wusste sie es, schließlich war sie nur...

Du hast mir gesagt, du hast einen Sohn,“ unterbrach Hope Davids Gedanken. „Du hast einen Sohn und trotzdem hattest du vor dich umzubringen, und ihn zu einem Waisenkind zu machen?“

Er wäre kein Waisenkind gewesen,“ verteidigte sich David schwach. „Er hat immer noch seine Mutter, Tina meine Freundin, oder eigentlich meine ex-Freundin...“

Du wolltest ihn verlassen. Du bist ein schlechter Vater!“

Er hat mich verlassen... das heißt, Tina hat ihn mitgenommen und ist mit ihm nach Los Angeles umgezogen,“ David war in der Defensive.

Du bist ein schlechter Vater,“ wiederholte Hope.

Ich darf überhaupt kein Vater mehr sein.... nie wieder,“ begehrte David auf. „Tina hat einen Gerichtsbeschluss gegen mich erwirkt, der besagt, dass ich mich den beiden nicht weiter als... 200 Meter nähern darf, ich glaube das war die Distanz,“ David fühlte sich wie immer hundsmiserabel, wenn er nur daran dachte.

Du bist ein schlechter Vater,“ sagte Hope zum dritten Mal.

Nun fühlte David aber, wie die reine Wut in ihm hochstieg: „Ich dachte du wurdest geschickt, damit du mir hilfst mich besser zu fühlen, so dass ich mich nicht umbringe. Aber du machst mich ja noch depressiver!“

Und nachdem er in Hope's steinernes Gesicht gesehen hatte, fügte er hinzu: „Projizierst du nicht einfach irgendwas in mich hinein, weil dein Vater dich verlassen hat?“

David bereute seine Worte im Augenblick, in dem sie seinem Mund entschlüpft waren. Er konnte eine Welle des Schmerzes von Hope ausgehen fühlen, während er sah wie sie schluckte. Dann sagte sie langsam und deutlich: „Mein Vater hat mich nicht verlassen. Er wurde getötet.... getötet von dir und den anderen hier!“

Vom mir?!..“ David war schockiert. „Du gibst mir die Schuld für....“

Nicht dir persönlich, aber deinen Leuten, die aus den dunklen Zeiten... Die haben meinen Vater getötet.“

Aus den dunklen Zeiten?“ David war verwirrt.

Deine Zeit.... Er ist nur zu einer Eisbrecher-Mission gegangen, nur für kurze Zeit... Er hat versprochen, er sei bald wieder zu Hause...“

Hope verschwand und eine andere Vision formierte sich vor David's Augen: das schwache Bild einer jüngeren Hope, die in einem Flur stand und die Hände eines großen dunkelhäutigen Mannes hielt, der sich hinuntergebückt hatte, um ihr direkt in die Augen zu sehen. David blinzelte und entdeckte, dass das Bild klarer wurde, wenn der die Augen schloss. Und so hielt er sie geschlossen, um besser sehen zu können.

Der Mann trug eine Schirmmütze wie Hope nur war sie mit anderen chinesischen Buchstaben bestickt.

Der Mann war auch fast ebenso gekleidet wie Hope, nur dass die Flicken auf seinem Oberteil fehlten, stattdessen schmückten schmale Streifen eines ziemlich altmodisch gestickten Musters seinen Kragen und die Außenseiten seiner Ärmel.

Komm meine kleine Honigbiene, lass meine Hände los,“ sagte der Mann. Und irgendwie wusste David vom ersten Augenblick an, dass dies Hope's Vater war, genauso wie er wusste, dass sie im Flur von Hope's Wohnung standen.

Wenn ich jetzt nicht loslege, dann komme ich zu spät,“ drängte Hope's Vater. „Schau mich nicht so an, als ginge ich für immer weg - in drei Wochen bin ich schon wieder da. Die sind Ruck-zuck vorbei.“

Drei Wochen sind vielleicht eine kurze Zeit für dich, aber für mich fühlt sie sich viel länger an. Sensei hat uns erklärt, dass für Kinder die Zeit scheinbar viel länger vergeht als für Erwachsene. Der Grund ist, dass Kinder viel kürzer gelebt haben und dass deshalb für sie die Relation zu einer Zeitspanne anders ist als für Erwachsene, die ja schon viel länger gelebt haben.“ Die kleinere Hope hatte anscheinend ihren Belehrungston bereits gut geübt.

Wenn ich zurückkomme, muss ich mich wohl mal mit deinem Lehrer unterhalten. Er hat dich schon viel zu klug gemacht,“ sagte Hope's Vater mit gespielter Ernsthaftigkeit in der Stimme.

Das war dann doch zu hoch für die kleine Hope.

Magst du es nicht, wenn ich klug bin?“ fragte sie mit hörbarer Besorgnis in der Stimme.

Aber meine kleine Honigbiene, das war doch nur ein Witz. Natürlich finde ich es großartig, dass du so klug bist,“ beruhigte ihr Vater sie und fügte hinzu: „Ich bin sogar sehr, sehr stolz auf dich. Außerdem hatte ich schon immer eine Schwäche für kluge Frauen. Deshalb habe ich schließlich deine Mutter geheiratet! Und jetzt tanzen wir noch einmal eine kleine Runde bevor ich endgültig gehen muss.“

Er hob die kleine Hope hoch und wirbelte sie im Kreis durch die Luft, während sie begeistert juchzte.

Und dann änderte sich die Vision mit einem Schlag. Hope war jetzt nicht im Flur, sondern in der Küche der Wohnung. Sie saß an einem Tisch. Zwei jüngere Kinder, ein Junge und ein Mädchen saßen ihr gegenüber. Und wieder wusste David genau wer die beiden waren, als ob Hope's Wissen zu seinem geworden war. Es waren Sissy und Lillebro, Hope's Geschwister.

Hope und Sissy lachten während Lillebro versuchte eine Gabel auf seiner Nase zu balancieren. Eine Frau, die einer erwachsenen Ausgabe von Hope glich, war gerade dabei ein Soufflee-Gericht auf den Tisch zu stellen.

Wie ihr Ehemann so trug auch sie einen Anzug derselben Form und aus demselben glitzernd violetten Stoff wie ihre Kinder, aber mit einem gestickten Muster an den Ärmeln und am Oberteil. Allerdings war diese Stickerei viel breiter auf ihrer Kleidung als auf der ihres Mannes, und sie bedeckte mehr als ein Drittel des ganzen Oberteils. Auf der linken Brustseite befand sich ein sonderbares Symbol, das abgehoben und umrahmt war von der restlichen Stickerei. Es war dasselbe Symbol wie es die Kinder und Hope's Vater an derselben Stelle ihrer Kleidung trugen. Das Oberteil von Hope's Mutter war allerdings etwas länger als das der Kinder und ihres Mannes und reichte ihr etwa bis zu den Knien. Es bedeckte einen Großteil der weiten Hosen darunter. Ihre langen Haare, die fast so dunkel aber weniger lockig als die von Hope und ihren Geschwistern waren, hatte sie im Nacken zusammengebunden. Genau wie diese trug sie gerade keine Mütze, aber David sah vier Schirmmützen, jede mit einer anderen Kombination von chinesischen Zeichen über dem Schirm, aufgereiht auf einem Regal liegen, direkt über der Bank auf der die kleineren Kinder gerade saßen.

Hope's Mutter lächelte nachsichtig über die akrobatischen Kunststücke ihres Sohnes und sagte dann mit bemüht strenger Stimme: „Und jetzt spielen wir nicht mehr. Das Essen ist auf dem Tisch. Wer möchte heute...“

Ein melodischer Glockenton unterbrach sie, und sie stand auf und ging zur Tür. Sofort liefen ihr auch alle drei Kinder hinterher, um einen Blick auf den unerwarteten Besuch zu werfen. Ein Mann stand in der Eingangstür-- Hope hatte ihn erkannt und deshalb kannte auch David seinen Namen. Es war Mr Jones vom Informationsbüro. Aber er war nicht allein. Hinter ihm standen Oma und Opa, und alle sahen sie sehr ernst aus. David spürte wie langsam eine unbestimmte Angst in Hope aufstieg. Mr Jones redete leise mit ihrer Mutter. Sie konnte sehen, wie diese blass wurde, zu zittern begann und dann schwankte, als ob sie nicht mehr stehen konnte. Opa drängte sich an Mr Jones vorbei und fing sie auf.

Irgendetwas war geschehen, etwas furchtbar Schlimmes. Hope erkannte das sofort. Oma kam jetzt auch herein und lief sofort zu den Kindern hinüber. Die hatten sich am Kücheneingang aneinander gedrängt. Als Oma sich bückte und ihre Arme öffnete, hatte sie Tränen in den Augen: „Es ist etwasgeschehen... etwas mit eurem Papa.“ Ihre Stimme zitterte „...da war ein Unfall.... und er... ist gestorben...“


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